Veganer heben ab

Ich dokumentiere hier eine Meinung zum Kongress „Wir haben es satt“, wo Veganer auf Kleinbauern losgehen….

Helmut Höge:

„Interessant die Kritik der Veganer an der Bewegung für kleinbäuerliche Familienbetriebe. Ich besuchte auch das viertägige Festival Bauernhöfe contra Agrarindustriekomplexe in der S.O.36-Markthalle, mit Öko-Freß- und Trinkstände drumherum, und geriet dort in einen Auflauf von einigen 1000 Menschen in und um die Markthalle. Ich war leicht entsetzt über all diese jungen Menschen der Spätmoderne mit ihrer „Sorge um sich“ – wie in der Spätantike, als auch schon alles auseinanderbrach, und Bürgerkriege, etc., Wanderbewegungen, Absetzbewegungen es nahelegten, sich auf eine gewisse „Lebenskunst“ bloß noch zu konzentrieren. Die Gotteshäuser dienten mehr und mehr weltlichen Zwecken. So auch das hier auf dem Lausitzer Platz, wo im Gemeindesaal eine Referentin neue Pestizide geißelte und in der Kirche selbst Filme über Humusbildung durch Regenwürmer überm Altar gezeigt wurden. Und wo die Tierschützer sich mit den Bauernfreunden stritten.

Was ich vermisste, war eine Diskussion des Elends der kleinbäuerlichen Familienbetriebe: die so oft traurigen Frauen, die Ausbeutung der Kinder, die halsstarrigen Männer, das rechtzeitige Verweigern der Hofübergabe an die nachfolgende Generation, das ständige Überfordertsein, das Ausgeliefertsein an die Agrarindustrie, die Verrohung, die zu vielen Ängste, die zu große Verantwortung… Das alles habe ich jedenfalls auf vielen westdeutschen Bauernhöfen erlebt, auf denen ich arbeitete. „Familie – das ist wie eine gute noch intakte Maschine, die von der Welt abgenutzt wird, schade sie aufzugeben, aber sinnlos sie neu aufzuziehen. Es gelingt nicht, Mann und Frau müssen jeden Tag das Defizit decken,“ meinte Viktor Schklowski bereits 1925 – noch vor der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion. In den LPG der DDR dann gab es eine Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeitern – und der Einzelne fand keine Erfüllung mehr in seiner Tätigkeit, aber es gab geregelte Arbeitszeiten, Urlaub, regelmäßiges Gehalt – und das soziale Klima in den Brigaden war, jedenfalls in der, die ich kennenlernte, prima. Allerdings ging deren arbeiterliche Einstellung im LPG-Großbetrieb noch mehr auf Kosten der Tiere als in der bäuerlichen Landwirtschaft, so schien es mir.

Die Veganer heben nun darauf ab, dass auch die Bauern ihr Vieh ausbeuten und töten – und das ginge gar nicht. Ich möchte in diesem Zusammenhang bloß an das nie realisierte Bauernkriegsdenkmal von Albrecht Dürer erinnern, das dieser entwarf, nachdem der „große deutsche Bauernkrieg“ gegen Kirche und Adel verloren war – und er, Dürer, untertauchen mußte. Es sind hier die Rinder, Schafe und Schweine – die um den Bauern trauern, nicht die Überlebenden/Städter, die die Nahrungsproduktion dem Landvolk überlassen und stattdessen an einem sauber-ethischen Umgang mit Tieren feilen.

Karl Marx sah den Prozeß der ‚Expropriation der Ackerbauern‘ als ‚historische Unvermeidlichkeit‘ 1882 bereits als vollzogen an. Dem auf die Zerstörung der Allmende in Westeuropa folgenden ‚bäuerlichen Parzelleneigentum‘ gab er keine Chance: Es werde unweigerlich der ‚von Kapitalisten betriebenen Landwirtschaft‘ weichen müssen. Friedrich Engels meinte daraufhin: ‚Es ist unsere Pflicht, ‚den Bauern die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen‘.“ Das kann ich nicht (mehr) so fortschrittsoptimistisch sehen.“

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